
Der Gillbach gehört zu Rommerskirchen wie seine Dörfer, Felder und historischen Höfe. Doch der Bach, den wir heute kennen, ist längst kein natürlich gespeistes Gewässer mehr. Ein großer Teil seines Wassers stammt aus dem Kraftwerk Niederaußem. Mit dem Ende der Braunkohleverstromung droht diese Wasserzufuhr wegzufallen. Insbesondere im Ober- und Mittellauf könnte der Gillbach dann regelmäßig trockenfallen. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie lässt sich der Bach dauerhaft erhalten – und was ist davon bislang tatsächlich gesichert?
Stand dieses Artikels: 26. September 2026
Ein Bach mit großer Bedeutung – aber einer komplizierten Geschichte
Der Gillbach beginnt heute am Kühlwasserauslauf des Kraftwerks Niederaußem bei Bergheim-Auenheim. Von dort fließt er durch Bergheim, Rommerskirchen, Grevenbroich und Neuss, bevor er bei Weckhoven in die Erft mündet.
Für Rommerskirchen ist er weit mehr als nur ein Wasserlauf. Er prägt die Landschaft, verbindet verschiedene Ortsteile und historische Hofanlagen und bildet in der intensiv landwirtschaftlich genutzten Bördelandschaft einen wichtigen Grün- und Biotopkorridor. Spazierwege, Naherholung, lokale Geschichte und sogar zahlreiche Vereinsnamen sind mit dem Gillbach verbunden.
Sein heutiger Zustand darf jedoch nicht mit einem ursprünglichen Naturzustand verwechselt werden. Der Bach ist seit langer Zeit durch menschliche Eingriffe verändert worden – zunächst durch industrielle Einleitungen, später vor allem durch den Braunkohleabbau und die damit verbundene Wasserwirtschaft.
Woher kam das Wasser ursprünglich?
Historisch besaß der Gillbach offenbar keine einzelne Quelle, wie man sie sich bei einem klassischen Quellbach vorstellt. Frühere Beschreibungen nennen mehrere flache Talrinnen aus dem Raum Garsdorf, Wiedenfeld, Holtrop, Fortuna sowie Ober- und Niederaußem. Diese Rinnen vereinigten sich bei Auenheim zu einem Bach.
Im damaligen Quellgebiet trat stellenweise Grundwasser aus. Dieses Wasser floss in Richtung Niederaußem und Auenheim und trug zumindest zeitweise zur Entstehung des Gillbachs bei.
Im Bereich Rommerskirchen hatte das Gewässer nach der hydrogeologischen Darstellung des Erftverbandes dagegen natürlicherweise keinen unmittelbaren Kontakt zum Grundwasser. Das dort fließende Wasser musste also im Wesentlichen aus den weiter oberhalb gelegenen Bereichen zufließen. Erst im Unterlauf, unterhalb von Rommerskirchen, wurde der Bach früher wahrscheinlich wieder durch Grundwasser gespeist.
Das ursprüngliche Quellgebiet ging im 20. Jahrhundert durch die Tagebaue Bergheim und Fortuna-Garsdorf verloren. Gleichzeitig wurde das Grundwasser durch die großräumigen Sümpfungsmaßnahmen des Braunkohlebergbaus stark abgesenkt.
Damit veränderte sich das gesamte Wassersystem grundlegend.
War der Gillbach früher immer wasserführend?
Diese Frage wird politisch und öffentlich besonders kontrovers diskutiert. Die verfügbaren historischen Unterlagen erlauben darauf keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort.
Die 2025 vom Rhein-Kreis Neuss durchgeführte interne Archivrecherche fand zahlreiche Hinweise darauf, dass geringe Wasserstände und das Trockenfallen des Gillbachs bereits im 19. Jahrhundert ein Thema waren. Einige Quellen berichten von sommerlichen Trockenphasen, andere von längeren Zeiträäumen mit sehr wenig oder gar keinem Wasser.
Für die 1930er-Jahre wurden unter anderem Hinweise gefunden, wonach der Bach bereits seit einem Jahr nicht mehr geflossen habe beziehungsweise fast das ganze Jahr nur sehr wenig Wasser geführt habe.
Gleichzeitig belegen historische Quellen die große Bedeutung des Gillbachs für die Versorgung von Menschen und Tieren, für die Landwirtschaft und für die Entwicklung der Ortschaften entlang seines Verlaufs. Erste bekannte Regelungen zur Reinigung und Unterhaltung des Bachs werden von der Gemeinde unter Berufung auf eine lokale Chronik bereits auf das Jahr 1687 datiert.
Beides kann gleichzeitig richtig sein: Der Gillbach war über Jahrhunderte ein bedeutender Wasserlauf, ohne deshalb in jedem Abschnitt und zu jeder Jahreszeit dauerhaft Wasser geführt zu haben.
Eine abschließende hydrologische Rekonstruktion ist kaum möglich. Systematische und flächendeckende Messdaten zur Wasserführung liegen erst seit den 1980er-Jahren vor. Ältere Berichte sind häufig einzelne Momentaufnahmen und keine fortlaufenden Messreihen.
Die wissenschaftlich und journalistisch saubere Aussage lautet deshalb:
Die bisher ausgewerteten historischen Quellen belegen nicht, dass der Gillbach vor den industriellen Einleitungen auf seiner gesamten Länge ganzjährig Wasser führte. Sie belegen aber ebenso wenig für jeden Abschnitt und jedes Jahr denselben Umfang des Trockenfallens.
Wie wurde aus dem Gillbach ein dauerhaft fließender Bach?
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Menge industriell eingeleiteten Wassers deutlich zu. Nach der Recherche des Rhein-Kreises Neuss spielten dabei ab etwa 1903 insbesondere Einleitungen aus der Grube beziehungsweise Brikettfabrik Fortuna eine wichtige Rolle.
Seit Mitte der 1950er-Jahre finden sich in den damaligen Bachschauen durchgehend Hinweise auf einen wasserführenden Gillbach. Nach Einschätzung des Kreises stammte das Wasser zu dieser Zeit bereits weitgehend aus dem Braunkohlebereich.
Heute bildet der Kühlwasserauslauf des Kraftwerks Niederaußem die faktische Quelle des Gillbachs. Das frühere natürliche Quellgebiet existiert nicht mehr, und aufgrund der bergbaubedingten Grundwasserabsenkung erhält der Bach derzeit keinen ausreichenden natürlichen Grundwasserzufluss.
Woher kommt das Wasser heute?
Nach dem im Mai 2026 vorgestellten Gillbach-Konzept wird die Wasserführung maßgeblich durch Einleitungen aus dem Kraftwerk Niederaußem bestimmt.
Die dort eingeleitete Wassermenge schwankt ungefähr zwischen:
- 200 und 400 Litern pro Sekunde,
- entsprechend 0,2 bis 0,4 Kubikmetern pro Sekunde,
- beziehungsweise rechnerisch rund 17.300 bis 34.600 Kubikmetern pro Tag.
Diese Werte beschreiben eine Bandbreite und keine ständig gleichbleibende Einleitung.
Hinzu kommen gereinigte Abwässer aus den Kläranlagen:
- Auenheim: im Trockenwetter-Tagesmittel rund 26 Liter pro Sekunde,
- Anstel: im Trockenwetter-Tagesmittel rund 14 Liter pro Sekunde.
Die Kläranlage Anstel soll allerdings künftig außer Betrieb genommen und das dort anfallende Abwasser nach Grevenbroich geleitet werden.
Daneben bestehen zahlreiche Einleitungen aus der Siedlungsentwässerung. Dabei handelt es sich überwiegend um Regenüberläufe, Regenrückhaltebecken und Retentionsbodenfilter. Diese liefern jedoch nur bei entsprechenden Regenereignissen Wasser und können keine verlässliche ganzjährige Versorgung gewährleisten.
Ökologisch ist der heutige Zustand keineswegs ideal
Die dauerhafte Wasserführung vermittelt zunächst den Eindruck eines stabilen und gesunden Bachs. Ökologisch ist die Situation jedoch komplizierter.
Durch das Kraftwerkswasser ist die Wasserführung unnatürlich hoch und im Niedrig- und Mittelwasserbereich kaum noch von natürlichen Schwankungen geprägt. Hinzu kommt die erhöhte Wassertemperatur.
Das Fachkonzept beschreibt die Gemeinschaft der wirbellosen Gewässerbewohner als artenarm. Seit 2015 wurden insgesamt nur 32 sogenannte Taxa festgestellt, davon elf gebietsfremde Arten. Einheimische Arten kommen vielfach nur in geringen Individuenzahlen vor; Steinfliegen fehlen vollständig.
Auch in bereits renaturierten Abschnitten konnte sich wegen der starken Überprägung durch Wassermenge und Temperatur bislang keine für diesen Gewässertyp typische Lebensgemeinschaft entwickeln.
Die Renaturierungen waren dennoch nicht wirkungslos. Sie haben örtlich abwechslungsreichere Bachstrukturen geschaffen. Besonders wertvoll sind die entstandenen Gehölzsäume, Brachflächen und Blühstreifen. Diese bleiben auch dann wichtige Lebens- und Verbindungskorridore, wenn der Bach künftig zeitweise weniger oder kein Wasser führt.
Was passiert nach dem Ende der Kraftwerkseinleitung?
Ohne eine zusätzliche Ersatzversorgung wird der Gillbach nach Einschätzung der Fachleute im Ober- und Mittellauf nicht mehr dauerhaft Wasser führen.
Das Fachkonzept unterscheidet dabei im Wesentlichen zwei Bereiche:
Ober- und Mittellauf bis Widdeshoven
In diesem Bereich wird auch nach dem langfristigen Wiederanstieg des Grundwassers kein ausreichender natürlicher Grundwasserkontakt erwartet. Ohne eine künstliche Speisung würde der Gillbach deshalb häufig trockenfallen und sich zu einem zeitweise wasserführenden, sogenannten ephemeren Gewässer entwickeln.
Niederschläge, Siedlungsentwässerung und kleinere Einleitungen können zeitweise Wasser liefern. Eine verlässliche ganzjährige Wasserführung sichern sie nicht.
Unterlauf ab Widdeshoven
Für diesen Abschnitt wird langfristig wieder ein Kontakt zum ansteigenden Grundwasser erwartet. Bis bergbaulich unbeeinflusste Grundwasserstände erreicht sind, ist eine Stützung mit Wasser aus der Rheinwassertransportleitung vorgesehen.
Der Unterlauf besitzt damit eine andere Perspektive als der Bach durch große Teile von Bergheim und Rommerskirchen.
Wann könnte die heutige Wasserzufuhr enden?
Ein endgültiges Datum lässt sich derzeit nicht belastbar nennen.
Das Fachkonzept von Mai 2026 ging grundsätzlich von einem Ende der Braunkohleverstromung im Jahr 2030 aus. Bei einer Nutzung der Kraftwerksreserve könnte sich der Betrieb bis 2033 verlängern.
Im September 2026 erläuterte Dietmar Jansen, Bereichsleiter Gewässer beim Erftverband, im Ausschuss für Wirtschaft und Strukturwandel des Regionalrates, dass die Umstellung für den Gillbach möglicherweise noch einige Jahre später erfolgen könnte.
Entscheidend ist offenbar nicht allein der letzte Tag der Stromproduktion. Solange der BoA-Block arbeitet, muss weiterhin Wasser aus den Kühlturmtassen abgeführt werden. Auch ein anschließender Rückbau könnte sich über mehrere Jahre erstrecken. Zudem spielt der Beginn der Befüllung der Tagebauseen eine Rolle.
Daraus ergibt sich möglicherweise mehr Zeit für die Suche nach Lösungen. Es entsteht aber auch die Gefahr einer Übergangsphase, in der die bisherige Einleitung bereits endet, eine mögliche Ersatzversorgung oder ein notwendiger Gewässerumbau jedoch noch nicht vollständig zur Verfügung steht.
Die konkreten Termine müssen deshalb weiterhin zwischen Erftverband, RWE, den Wasserbehörden, den beteiligten Kreisen und den Kommunen abgestimmt werden.
Die Aussage „Im Jahr 2030 fällt der Gillbach trocken“ wäre nach dem heutigen Kenntnisstand zu pauschal und nicht ausreichend belegt.
Was geschah in den vergangenen beiden Jahren in Rommerskirchen?
Die wasserwirtschaftliche Facharbeitsgruppe war bereits 2023 auf Initiative der Gemeinde Rommerskirchen gegründet worden. Beteiligt sind beziehungsweise waren unter anderem die Gemeinde, der Erftverband, RWE Power, der Rhein-Kreis Neuss, der Rhein-Erft-Kreis und die Stadt Bergheim.
November und Dezember 2024
Im November 2024 informierte Dietmar Jansen vom Erftverband bei einer gut besuchten Bürgerversammlung über den damaligen Kenntnisstand.
Am 12. Dezember 2024 wurden auch der Rat der Gemeinde und die Öffentlichkeit erneut über die laufenden Untersuchungen informiert. Betrachtet wurden unter anderem Grundwasser, Niederschlagswasser und Rheinwasser als mögliche Quellen für eine spätere Speisung des Gillbachs.
Eine Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten war damit nicht verbunden.
2025: Historische Wasserführung wird untersucht
Im Mai 2025 beauftragte der Rhein-Kreis Neuss seine Verwaltung auf gemeinsamen Antrag mehrerer Kreistagsfraktionen, die historische und hydrologische Beschaffenheit des Gillbachs zu untersuchen.
Archivmitarbeiter sichteten daraufhin historische Unterlagen; die Untere Wasserbehörde nahm eine erste fachliche Bewertung vor. Im Dezember 2025 wurden die Ergebnisse vorgelegt.
Der Kreis kam zu dem Schluss, dass die ausgewerteten Quellen keinen Beleg dafür liefern, dass der Gillbach vor den industriellen Einleitungen durchgehend und auf gesamter Länge ganzjährig Wasser führte. Weil von einer zusätzlichen externen Untersuchung keine fundamental anderen Erkenntnisse erwartet wurden, empfahl die Verwaltung, darauf zu verzichten.
Wichtig ist die genaue Bezeichnung: Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine interne historische Vorrecherche mit wasserbehördlicher Einschätzung – nicht um ein neu beauftragtes, externes hydrologisches Langzeitgutachten.
März 2026: Erste Informationsstelen
Im März stellte die Gemeinde die ersten vier Informationsstelen entlang des Gillbachs auf. Sie behandeln Geschichte, Natur, Flora und Fauna sowie die Bedeutung des Bachs für die Identität Rommerskirchens.
Ergänzend entstand der kindgerechte „Gillbold“-Erzählpfad.
Die Stelen schaffen Aufmerksamkeit und vermitteln Wissen. Eine Maßnahme zur Sicherung der künftigen Wasserführung sind sie naturgemäß nicht.
Frühjahr 2026: Regelmäßige Beratung beschlossen
Der Gemeinderat beschloss, die Zukunft des Gillbachs regelmäßig im Bau- und Planungsausschuss sowie im Ausschuss für Umwelt-, Tier- und Klimaschutz zu beraten.
Zugleich wurde parteiübergreifend das politische Ziel formuliert, den Gillbach dauerhaft als Fließgewässer zu erhalten und seine Wasserführung langfristig zu sichern.
Das ist ein klares politisches Signal. Es ersetzt jedoch noch keine genehmigte, finanzierte und technisch umsetzbare Wasserversorgung.
Mai 2026: Das Gillbach-Konzept wird vorgestellt
Am 28. Mai stellten Erftverband und RWE Power dem Gemeinderat das gemeinsam erarbeitete Konzept „Gillbach – Grundlagen und Potenziale“ vor.
Es beschreibt die heutige Situation, die wahrscheinlichen Veränderungen und verschiedene theoretische Handlungsmöglichkeiten.
Das Konzept ist die bislang wichtigste zusammenhängende fachliche Grundlage. Es ist aber ausdrücklich keine fertige Planung. Es legt keine konkrete Maßnahme fest und enthält keine abschließende Entscheidung über Finanzierung, Genehmigung oder Umsetzung.
September 2026: Das Thema erreicht erneut Regionalrat und Landespolitik
Im September brachte Bürgermeister Dr. Martin Mertens die zeitlichen Auswirkungen des Braunkohleausstiegs erneut in den Regionalrat Düsseldorf ein.
CDU und Bündnis 90/Die Grünen forderten in Rommerskirchen gemeinsam, die künftige Wasserführung dauerhaft zu sichern. Mertens begrüßte diesen politischen Rückenwind, verband ihn aber mit der Erwartung, dass beide Parteien das Anliegen auch gegenüber der von CDU und Grünen getragenen Landesregierung vertreten.
Nach Angaben der Gemeinde hatte Mertens zuvor bereits NRW-Umweltminister Oliver Krischer angeschrieben. Auch mehrere grüne Landtagsabgeordnete hatten den Gillbach im März besucht.
Für November ist nach Angaben der Gemeinde ein weiterer Abstimmungstermin vorgesehen. Dabei sollen Kenntnisstand, Zuständigkeiten und mögliche nächste fachliche, wasserrechtliche und planerische Schritte geklärt werden.
Welche Lösungen wurden bisher untersucht?
Neue Grundwasserbrunnen
Für eine dauerhaft durchgehende Wasserführung setzt das Fachkonzept überschlägig mindestens rund 200 Liter pro Sekunde an.
Das entspräche:
- 720 Kubikmetern pro Stunde,
- rund 17.300 Kubikmetern pro Tag,
- etwa 6,3 Millionen Kubikmetern pro Jahr.
Untersucht wurde eine theoretische Förderung über ungefähr zwölf Brunnen am Standort Niederaußem. Das verfügbare Grundwasserdargebot im betrachteten Einzugsgebiet wurde jedoch nur mit rund 0,9 Millionen Kubikmetern pro Jahr angegeben.
Damit läge es deutlich unter dem angenommenen Bedarf. Zusätzlich wären mögliche Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung, die Wasserqualität sowie hohe Investitions- und Betriebskosten zu berücksichtigen.
Eine vollständige Versorgung des Gillbachs durch neue Brunnen erscheint auf Grundlage dieser Untersuchung daher derzeit nicht realistisch.
Wasser aus dem Wasserwerk Paffendorf
Technisch könnte aufbereitets Wasser aus dem Wasserwerk Paffendorf über teilweise vorhandene Infrastruktur zum Gillbach geleitet werden.
Dagegen sprechen jedoch die hohen Aufbereitungskosten und die grundsätzliche Frage, ob hochwertiges Trinkwasser für die dauerhafte Speisung eines Oberflächengewässers eingesetzt werden sollte.
Auch Nutzungskonkurrenzen mit der öffentlichen Trinkwasserversorgung müssten berücksichtigt werden.
Nachlaufendes Sümpfungswasser
Zeitweise könnte Wasser aus der nachlaufenden Sümpfung des Tagebaus Hambach zur Verfügung stehen. Dieses müsste über vorhandene Anlagen in Richtung Niederaußem transportiert werden.
Nach dem Fachkonzept wäre diese Quelle aber nur begrenzt verfügbar, voraussichtlich etwa bis 2039. Zudem ist das Wasser gegenwärtig für die Befüllung des Tagebausees vorgesehen. Vor einer Einleitung in den Gillbach könnte außerdem eine Aufbereitung notwendig werden.
Diese Variante wäre zeitlich begrenzt und mit erheblichen Investitions- und Betriebskosten verbunden.
Rheinwasser für den Oberlauf
Eine Abzweigung aus dem Hambach-Ast der Rheinwassertransportleitung in den Oberlauf wurde als theoretische Möglichkeit betrachtet.
Dafür wären unter anderem etwa drei Kilometer zusätzliche Rohrleitung und eine Pumpanlage erforderlich. Die Versorgung wäre zudem nicht immer garantiert, weil bei niedrigen Rheinwasserständen keine Entnahme für Hambach erfolgen soll und die Nutzung des Leitungsabschnitts an die Befüllung des Tagebausees gekoppelt ist.
Entscheidend ist: Das derzeit mit den Behörden abgestimmte Entnahmekonzept sieht keine Nutzung von Rheinwasser zur dauerhaften Speisung des Gillbach-Oberlaufs vor.
Für den Unterlauf ab Widdeshoven ist eine Rheinwasserstützung dagegen vorgesehen.
Eine mögliche GuD-Anlage in Neurath
Sollte am Standort Neurath künftig ein Gas-und-Dampf-Kraftwerk entstehen, könnten dort anfallende Betriebsabwässer theoretisch zur Wasserführung des Gillbachs beitragen.
Eine solche Anlage ist jedoch bislang nicht als sichere Wasserquelle verfügbar. Zwischen einem möglichen Kraftwerksstandort und dem Gillbach fehlt zudem die notwendige Ableitungsinfrastruktur.
Weil ein modernes Gaskraftwerk voraussichtlich nicht ständig laufen würde, wäre auch kein kontinuierlicher Wasserstrom garantiert.
Regenwasser und Siedlungsentwässerung
Bei Regen gelangt bereits heute Wasser aus Siedlungsgebieten und Entwässerungsanlagen in den Gillbach. Diese Zuflüsse könnten künftig stärker in eine klimaangepasste Landschaftsentwicklung einbezogen werden.
Die vorhandenen Becken müssen allerdings nach Niederschlägen wieder entleert werden, damit sie für weitere Regenereignisse zur Verfügung stehen. Eine Speicherung über mehrere Wochen und eine zuverlässige Versorgung während längerer Trockenzeiten sind mit der vorhandenen Infrastruktur nicht realistisch.
Rückhalt in der Landschaft und Renaturierung
Multifunktionale Grabensysteme, Feuchtbiotope, Teichkaskaden, Uferrandstreifen, Gehölze und andere naturnahe Maßnahmen können Wasser länger in der Landschaft halten.
Sie können Trockenphasen abmildern, die Artenvielfalt fördern und den Gillbachraum ökologisch aufwerten. Eine Wassermenge in der Größenordnung der heutigen Kraftwerkseinleitung ersetzen sie jedoch nicht.
Solche Maßnahmen sind trotzdem wichtig – unabhängig davon, ob der Bach künftig dauerhaft oder nur zeitweise Wasser führt.
Der eigentliche Konflikt
Die Gemeinde und alle im Rat vertretenen Fraktionen verfolgen inzwischen das politische Ziel, den Gillbach dauerhaft als Fließgewässer zu erhalten.
Die geltende wasserwirtschaftliche Bewirtschaftungsplanung des Landes sieht für den Oberlauf dagegen einen anthropogen möglichst wenig beeinflussten, zeitweise wasserführenden Lösslehm-Bach vor.
Eine künstliche, ganzjährige Speisung des Oberlaufs steht damit nach dem Fachkonzept derzeit nicht im Einklang mit den behördenverbindlichen Bewirtschaftungsvorgaben.
Genau darin liegt der zentrale Konflikt:
Politisch wird ein dauerhaft fließender Gillbach gewünscht. Fachplanerisch ist für den Oberlauf bislang ein zeitweise trockenfallendes Gewässer vorgesehen.
Eine andere Entwicklung ist nicht grundsätzlich undenkbar. Sie müsste aber wasserwirtschaftlich begründet, rechtlich zulässig, technisch realisierbar und dauerhaft finanziert werden.
Was ist beschlossen – und was nicht?
Gesichert ist
- Der Gillbach wird heute maßgeblich durch Wasser aus dem Kraftwerk Niederaußem gespeist.
- Diese Einleitung wird mit dem Ende des entsprechenden Kraftwerks- und Wasserbetriebs entfallen.
- Ober- und Mittellauf erhalten auch langfristig voraussichtlich keinen ausreichenden natürlichen Grundwasserkontakt.
- Ohne zusätzliche künstliche Speisung werden diese Abschnitte häufig trockenfallen.
- Für den Unterlauf ab Widdeshoven ist eine zeitweilige Stützung mit Rheinwasser vorgesehen.
- Der Rommerskirchener Gemeinderat will den Gillbach parteiübergreifend als Fließgewässer erhalten.
- Das Thema soll regelmäßig in den zuständigen Ausschüssen behandelt werden.
Nicht gesichert ist
- das genaue Ende der heutigen Kraftwerkseinleitung,
- eine dauerhafte Ersatzversorgung des Ober- und Mittellaufs,
- eine Rheinwassereinleitung in den Oberlauf,
- eine ausreichende Grundwasserförderung,
- der Bau einer GuD-Anlage in Neurath,
- die Finanzierung einer dauerhaften technischen Lösung,
- die notwendige Änderung oder Anpassung der wasserwirtschaftlichen Zielvorgaben,
- ein lückenloser Übergang zwischen bisheriger Einleitung und einem späteren Gewässerzustand.
Was droht dem Gillbach wirklich?
Der Gillbach wird nicht vollständig aus der Landschaft verschwinden. Sein Gewässerbett, seine Aue, Gehölzstreifen und renaturierte Abschnitte können als Grün- und Biotopkorridor erhalten und weiterentwickelt werden.
Aber der Bach, wie ihn die Menschen in Rommerskirchen heute kennen – ganzjährig fließend und durch die Kraftwerkseinleitung geprägt –, steht vor einem tiefgreifenden Wandel.
Ohne zusätzliche Lösung wird im Ober- und Mittellauf deutlich weniger Wasser fließen. Längere Trockenphasen sind nach den vorliegenden Fachunterlagen wahrscheinlich. Für dauerhaft an Wasser gebundene Tiere und Pflanzen bedeutet das den Verlust geeigneter Lebensräume in den betroffenen Abschnitten.
Gleichzeitig bietet der Wegfall des warmen Kraftwerkswassers die Möglichkeit, den Gillbachraum ökologisch neu zu gestalten und stärker an den natürlichen Charakter eines Bördengewässers anzunähern.
Ob daraus ein zeitweise trockener Natur- und Landschaftskorridor oder doch ein dauerhaft wasserführender Bach entsteht, ist noch nicht abschließend entschieden.
Entscheidend sind jetzt konkrete Antworten
Nach Jahren der Diskussion liegt inzwischen eine umfangreiche fachliche Grundlage vor. Der nächste Schritt kann deshalb nicht allein aus weiteren grundsätzlichen Bekenntnissen bestehen.
Geklärt werden muss:
- Welcher Abschnitt des Gillbachs soll künftig wie viel Wasser führen?
- Welche Wassermenge wird dafür tatsächlich benötigt?
- Woher soll dieses Wasser dauerhaft kommen?
- Ist die Lösung mit der Wasserrahmenrichtlinie und den Bewirtschaftungsplänen vereinbar?
- Welche Leitungen, Pumpwerke oder Speicher wären erforderlich?
- Wer übernimmt Planung, Bau, Betrieb und Unterhaltung?
- Wer trägt die Investitions- und laufenden Energiekosten?
- Wie wird eine mögliche Versorgungslücke nach dem Ende der Kraftwerkseinleitung verhindert?
- Welche Maßnahmen können bereits vor dem Ende der Braunkohleverstromung vorbereitet werden?
- Welche Verantwortung tragen RWE, Land, Wasserbehörden, Kreise, Erftverband und Kommunen jeweils?
Dieser Artikel versteht sich als überprüfbarer Arbeitsstand
Das Rommerskirchen-Portal möchte die komplexe Diskussion um den Gillbach möglichst sachlich, vollständig und nachvollziehbar darstellen.
Deshalb laden wir ausdrücklich alle unmittelbar Beteiligten und fachkundigen Aktiven ein, diesen Artikel zu prüfen:
- die Gemeinde Rommerskirchen,
- die im Gemeinderat vertretenen Fraktionen,
- den Rhein-Kreis Neuss und den Rhein-Erft-Kreis,
- die zuständigen Wasserbehörden,
- den Erftverband,
- RWE Power,
- die beteiligten Landesbehörden,
- lokale Initiativen, Arbeitsgruppen und Heimatforscher,
- sowie Bürgerinnen und Bürger mit belastbaren Unterlagen oder Fachkenntnissen.
Sollten wesentliche Dokumente, Beschlüsse, Messergebnisse oder aktuelle Planungsstände fehlen, nehmen wir entsprechende Hinweise gerne entgegen.
Besonders interessieren uns Antworten auf folgende Fragen:
- Gibt es inzwischen eine konkretere Planung für die Wasserführung im Ober- und Mittellauf?
- Welcher Zeitpunkt wird aktuell für das Ende der Kraftwerkseinleitung angenommen?
- Welche Wassermengen sollen ab Widdeshoven aus der Rheinwassertransportleitung eingeleitet werden?
- Gibt es bereits eine technische oder rechtliche Vorprüfung für Rheinwasser im Oberlauf?
- Wer wäre für Planung und Finanzierung einer Ersatzversorgung verantwortlich?
- Welche nächsten verbindlichen Entscheidungen stehen an?
Belegte Ergänzungen und notwendige Korrekturen werden wir transparent in den Artikel einarbeiten und den jeweiligen Aktualisierungsstand kenntlich machen.
Denn beim Gillbach sollte es nicht darum gehen, wer zuerst eine Forderung erhoben hat. Entscheidend ist, ob rechtzeitig eine tragfähige, finanzierbare und ökologisch verantwortbare Perspektive entsteht.
Verwendete Hauptquellen
- Facharbeitsgruppe Gillbach: „Gillbach – Grundlagen und Potenziale“, Mai 2026
- Rhein-Kreis Neuss: Ergebnis der internen Vorrecherche zur historischen und hydrologischen Beschaffenheit des Gillbachs, 2025
- Erftverband: „Der Gillbach – gestern, heute und morgen“
- Gemeinde Rommerskirchen: Gillbach-Konzept im Rat vorgestellt
- Gemeinde Rommerskirchen: Zeitliche Unwägbarkeiten in Sachen Gillbach