Gillbach vor dem Wendepunkt: Warum seine Wasserführung gefährdet ist

Gillbach vor dem Wendepunkt: Warum seine Wasserführung gefährdet ist

Der Gillbach fließt heute ganzjährig durch Rommerskirchen. Dass er das tut, hängt maßgeblich mit dem Kraftwerk Niederaußem zusammen. Wenn dessen Wassereinleitung endet, wird sich der Bach verändern. Besonders für den Ober- und Mittellauf erwarten Fachleute häufige Trockenphasen. Wann genau dieser Zustand eintritt und ob zuvor eine andere Versorgung geschaffen wird, ist offen.

Gillbach-Serie, Teil 1 · Stand: 27. September 2026

Wer am Gillbach spazieren geht, sieht einen Bach, der zuverlässig Wasser führt. Seine heutige Quelle liegt am Kühlwasserauslauf des Kraftwerks Niederaußem bei Bergheim-Auenheim. Von dort fließt er durch Bergheim und Rommerskirchen weiter über Grevenbroich und Neuss zur Erft.

Nach dem gemeinsam von Gemeinde, Erftverband, RWE und weiteren Beteiligten erarbeiteten Gillbach-Konzept prägen Einleitungen aus dem Kraftwerk den Abfluss entscheidend. Sie schwanken ungefähr zwischen 200 und 400 Litern pro Sekunde. Hinzu kommen kleinere Mengen gereinigten Abwassers aus den Kläranlagen Auenheim und Anstel sowie zeitweise Wasser aus der Siedlungsentwässerung und aus Niederschlägen.

Das Kraftwerkswasser sorgt für eine dauerhafte Wasserführung. Zugleich verändert es den Bach erheblich: Wassermenge und Temperatur entsprechen nicht dem Zustand, den ein solcher Bach ohne die Einleitungen hätte. Das Fachkonzept beschreibt eine artenarme Gemeinschaft der wirbellosen Gewässerbewohner; gebietsfremde Arten kommen in großer Zahl vor. Der heutige Gillbach ist also ein wertvoller Landschaftsraum, aber zugleich ein stark vom Menschen geprägtes Gewässer.

Der Bach wird sich nicht überall gleich verändern

Für seine Zukunft muss man zwei Bereiche unterscheiden.

Im Ober- und Mittellauf bis etwa Widdeshoven erwarten die Fachleute auch nach dem späteren Wiederanstieg des Grundwassers keinen ausreichenden natürlichen Grundwasserkontakt. Fällt die Kraftwerkseinleitung weg und wird keine geeignete Ersatzversorgung geschaffen, soll der Bach dort häufig trockenfallen. Regen und kleinere Einleitungen können weiterhin zeitweise Wasser bringen, aber keinen ganzjährig fließenden Bach garantieren.

Im Unterlauf ab Widdeshoven wird langfristig wieder Grundwasserkontakt erwartet. Bis dahin ist eine Stützung mit Wasser aus der Rheinwassertransportleitung vorgesehen. Die Aussichten für den Unterlauf lassen sich deshalb nicht einfach auf den Bach durch Rommerskirchen übertragen.

Ein Trockenfallen hätte Folgen für Tiere und Pflanzen, die ständig auf Wasser angewiesen sind. Die Gillbachaue würde damit aber nicht als Lebensraum verschwinden. Gehölzstreifen, Uferbereiche und bereits renaturierte Abschnitte können weiter einen wichtigen Verbindungskorridor durch die Bördelandschaft bilden. Welche Gewässerökologie sich unter den neuen Bedingungen entwickeln kann, ist eine eigene fachliche Frage.

Wann endet die heutige Einleitung?

Dafür gibt es derzeit kein belastbares Datum. Das Fachkonzept arbeitet mit dem geplanten Ende der Braunkohleverstromung 2030 und einer möglichen Kraftwerksreserve bis 2033. Im September erläuterte Erftverbandsvertreter Dietmar Jansen im Düsseldorfer Regionalrat nach Darstellung der Gemeinde, dass ein längerer Betrieb des BoA-Blocks auch die Wasserabgabe aus den Kühlturmtassen verlängern würde. Rückbau und Seefüllung beeinflussen die weitere zeitliche Abfolge.

Ein späteres Ende der Einleitung würde Zeit für Planung gewinnen. Es wäre aber noch keine dauerhafte Lösung. Entscheidend wird sein, ob rechtzeitig feststeht, welche Wasserführung für welche Abschnitte angestrebt wird und was zwischen dem Ende des Kraftwerksbetriebs und einem späteren Endzustand geschieht.

Deshalb wäre die Aussage „Der Gillbach fällt 2030 trocken“ zu bestimmt. Ebenso unbegründet wäre die Annahme, eine mögliche Verlängerung des Kraftwerksbetriebs sichere seine Zukunft auf Dauer.

Politisches Ziel und fachliche Prognose

Der Rommerskirchener Gemeinderat hat parteiübergreifend das Ziel bekräftigt, den Gillbach dauerhaft als Fließgewässer zu erhalten. Das im Mai 2026 vorgestellte Fachkonzept beschreibt dagegen für den Ober- und Mittellauf häufige Trockenphasen, falls keine zusätzliche Versorgung geschaffen wird. Es ist ausdrücklich eine Grundlage für weitere Beratungen und keine beschlossene Maßnahmenplanung.

Damit ist der Kern der Aufgabe klar: Für einen dauerhaft fließenden Bach durch Rommerskirchen müssten Wasserquelle, benötigte Menge, rechtliche Zulässigkeit, technische Anlagen, Zuständigkeiten und Finanzierung geklärt werden. Eine solche Lösung ist in den bislang veröffentlichten Unterlagen nicht gesichert.

Unser Aufruf: Wir laden Gemeinde, Fraktionen, Erftverband, RWE, Wasserbehörden, Initiativen und fachkundige Bürgerinnen und Bürger ein, den dargestellten Stand anhand konkreter Unterlagen zu ergänzen oder zu korrigieren. Besonders wichtig ist die Frage: Gibt es inzwischen eine weitergehende Planung für die Wasserführung zwischen Auenheim und Widdeshoven – und wann wird darüber entschieden? Belegte neue Informationen werden wir in der Serie mit kenntlich gemachtem Aktualisierungsdatum aufgreifen.

Im zweiten Teil dieser Serie schauen wir zurück: Woher kam das Wasser ursprünglich, und was lässt sich über das frühere Trockenfallen tatsächlich belegen?

Quellen: Gillbach-Konzept der Facharbeitsgruppe, Mai 2026; Gemeinde Rommerskirchen zur Vorstellung im Rat; Gemeinde Rommerskirchen zu den zeitlichen Unwägbarkeiten, September 2026.