War der Gillbach früher immer ein fließender Bach?

War der Gillbach früher immer ein fließender Bach?

Der Gillbach ist seit Jahrhunderten Teil der Geschichte Rommerskirchens. Doch über seine frühere Wasserführung wird heute gestritten. Historische Quellen zeigen sowohl frühere Quellzuflüsse als auch wiederkehrende Zeiten mit wenig oder gar keinem Wasser. Eine lückenlose Messreihe aus der Zeit vor den industriellen Einleitungen gibt es nicht.

Gillbach-Serie, Teil 2 · Stand: 27. September 2026

Heute beginnt der Gillbach am Kühlwasserauslauf des Kraftwerks Niederaußem. Seine frühere Entstehung sah anders aus. Historische Beschreibungen nennen mehrere flache Talrinnen aus dem Raum Garsdorf, Wiedenfeld, Holtrop und Fortuna. Sie verliefen über die Gegend von Ober- und Niederaußem und vereinigten sich bei Auenheim zu einem Bach.

Im früheren Quellgebiet trat Grundwasser an die Oberfläche. Es trug zumindest zeitweise zum Abfluss bei. Im Bereich Rommerskirchen besaß der Bach nach der hydrogeologischen Darstellung des Erftverbands dagegen natürlicherweise keinen unmittelbaren Grundwasserkontakt. Dort war er auf Zufluss von weiter oberhalb angewiesen. Unterhalb Rommerskirchens wurde der Gillbach früher wahrscheinlich wieder durch Grundwasser gespeist.

Diese Unterschiede entlang des Bachlaufs sind wichtig. Wer von „dem historischen Gillbach“ spricht, beschreibt ein Gewässer, dessen Wasserführung nicht an jeder Stelle gleich gewesen sein muss.

Ein wichtiger Bach konnte trotzdem trockenfallen

Für die Menschen entlang des Gillbachs war das Wasser über lange Zeit von großer Bedeutung. Der Bach spielte eine Rolle bei der Versorgung von Mensch und Vieh, in der Landwirtschaft und für die Entwicklung der Siedlungen. Auch die Geschichte von Höfen, Burgen und Ortschaften ist mit ihm verbunden.

Aus seiner Bedeutung folgt jedoch nicht, dass er immer und überall floss. Der Rhein-Kreis Neuss ließ 2025 historische Unterlagen sichten, um diese Frage genauer zu prüfen. In den Akten aus dem 19. Jahrhundert tauchen geringe Wasserstände und Trockenfallen wiederholt auf. Manche Belege weisen auf Trockenphasen im Sommer oder in trockenen Jahren hin, andere auf längere Zeiträume. Die Beobachtungen beziehen sich zudem auf unterschiedliche Abschnitte.

Selbst aus den 1930er-Jahren wurden noch Hinweise auf längere Phasen mit sehr wenig Wasser gefunden. Zugleich zeigen andere Unterlagen, dass industrielle Einleitungen die Wasserführung bereits deutlich verändert hatten.

Die Archive liefern damit ein differenziertes Bild. Sie enthalten keine kontinuierlichen Abflussmessungen, aus denen man für jedes Jahr und jeden Abschnitt einen genauen Zustand errechnen könnte. Eine systematische, flächendeckende Erfassung der wasserwirtschaftlichen Verhältnisse begann im Rheinischen Revier erst wesentlich später.

Industrie und Braunkohle veränderten den Bach

Nach der Vorrecherche des Rhein-Kreises Neuss beeinflussten industrielle Einleitungen die Wassermenge seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend. Eine besondere Rolle spielten offenbar ab etwa 1903 Einleitungen aus dem Umfeld der Grube und Brikettfabrik Fortuna.

Seit Mitte der 1950er-Jahre finden sich in den jährlich durchgeführten Bachschauen durchgehend Belege für einen wasserführenden Gillbach. Der Kreis vermutet, dass das Wasser zu dieser Zeit bereits nahezu vollständig aus dem Braunkohlebereich stammte.

Zugleich musste das frühere Quellgebiet den Tagebauen weichen. Die großräumige Absenkung des Grundwassers veränderte die natürlichen Zuflüsse zusätzlich. Später wurde das Kraftwerk Niederaußem zur prägenden Quelle des Bachs, den wir heute sehen.

So entstand über viele Jahrzehnte ein dauerhaft wasserführendes Gewässer, das für Rommerskirchen zum vertrauten Landschaftsbild wurde. Auch dieser vom Menschen beeinflusste Bach besitzt heute eine ökologische, kulturelle und emotionale Bedeutung.

Was lässt sich historisch wirklich sagen?

Die gesichteten Quellen stützen drei Aussagen:

Erstens: Der Gillbach existierte lange vor dem heutigen Kraftwerk. Er entstand aus einem System von Rinnen und früheren Quellzuflüssen und war für die Region bedeutsam.

Zweitens: Trockenphasen und niedrige Wasserstände sind historisch belegt. Die Behauptung, der Bach habe vor den industriellen Einleitungen auf ganzer Länge nachweislich immer Wasser geführt, ist durch die bisher ausgewerteten Unterlagen nicht gedeckt.

Drittens: Aus den einzelnen historischen Beobachtungen lässt sich ebenso wenig eine genaue Zahl von trockenen Tagen oder ein überall gleicher Zustand ableiten. Der Unterlauf hatte wahrscheinlich andere natürliche Voraussetzungen als der Bach durch Rommerskirchen.

Die Geschichte entscheidet für sich allein auch nicht, was die Menschen heute für den Gillbach anstreben sollen. Sie hilft aber dabei, Fachplanung und politische Forderungen auf einer ehrlichen Grundlage zu diskutieren.

Unser Aufruf: Gibt es in privaten Archiven, Hofunterlagen, historischen Fotos oder amtlichen Beständen weitere datierbare Hinweise zur Wasserführung des Gillbachs – möglichst mit genauem Ort und Zeitpunkt? Wir freuen uns über Belege und fachliche Einordnungen. Erinnerungen sind ebenfalls willkommen; für Aussagen über den früheren Gewässerzustand möchten wir sie jedoch deutlich von zeitgenössischen Dokumenten und Messdaten unterscheiden.

Im dritten Teil prüfen wir die Zukunftsoptionen: Welches Wasser könnte den Gillbach nach dem Kraftwerk speisen – und was ist davon tatsächlich geplant?

Quellen: Rhein-Kreis Neuss, interne Vorrecherche zur historischen und hydrologischen Beschaffenheit, 2025; Erftverband, „Der Gillbach – gestern, heute und morgen“; Gillbach-Konzept der Facharbeitsgruppe, Mai 2026.