Wer kümmert sich um den Gillbach – und was ist bisher tatsächlich erreicht?

Wer kümmert sich um den Gillbach – und was ist bisher tatsächlich erreicht?

Rommerskirchen, 29. September 2026. Um die Zukunft des Gillbachs bemühen sich viele: die Gemeinde, Parteien, zwei Kreise, der Erftverband, RWE und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Es gab Anträge, öffentliche Veranstaltungen, historische Recherchen und inzwischen ein gemeinsames Fachkonzept. Die entscheidende Frage ist dennoch offen: Wer stellt nach dem Ende der heutigen Kraftwerkseinleitung dauerhaft Wasser für den Ober- und Mittellauf bereit – und wer bezahlt und genehmigt das?

Derzeit prägen Einleitungen aus dem Kraftwerk Niederaußem mit etwa 200 bis 400 Litern pro Sekunde die Wasserführung. Fallen sie weg, ist für den Abschnitt bis Rommerskirchen-Widdeshoven nach der Darstellung des Rhein-Kreises Neuss keine dauerhafte Stützung vorgesehen. Für den Unterlauf ab Widdeshoven ist dagegen vorübergehend Rheinwasser eingeplant. Diese Unterscheidung zieht sich durch nahezu jeden Streit über den Gillbach.

Gemeinde und Bürgermeister: Arbeitsgruppe, Öffentlichkeit, politische Gespräche

Auf Initiative der Gemeinde Rommerskirchen entstand 2023 eine wasserwirtschaftliche Facharbeitsgruppe. Beteiligt sind neben der Gemeinde der Erftverband, RWE Power, die Stadt Bergheim sowie der Rhein-Erft-Kreis und der Rhein-Kreis Neuss. Im November 2024 wurde der Sachstand öffentlich vorgestellt; im Mai 2026 präsentierten Erftverband und RWE das gemeinsam erarbeitete Konzept im Rommerskirchener Rat. Das ist ein greifbares Ergebnis: Das öffentlich zugängliche Fachkonzept bündelt mögliche Wasserquellen und ihre Grenzen.

Bürgermeister Martin Mertens hat zudem nach Angaben der Gemeinde an NRW-Umweltminister Oliver Krischer geschrieben, das Thema bei RWE und Erftverband sowie im Regionalrat angesprochen und im September nach den Folgen eines möglicherweise späteren Endes der Kraftwerkseinleitung gefragt. Laut einer Mitteilung der Gemeinde ist für November ein Abstimmungstermin vorgesehen. Dort sollen der Kenntnisstand abgeglichen, Zuständigkeiten konkretisiert und mögliche nächste Schritte geprüft werden. Der Gemeinderat beschloss auf Antrag der Grünen, den Gillbach regelmäßig in den zuständigen Ausschüssen zu beraten. Vier aufgestellte Informationsstelen machen seine Geschichte und Bedeutung sichtbar; sie lösen allerdings die Wasserfrage nicht.

Die Gemeinde hatte 2025 ein mögliches neues Kraftwerk am Standort Neurath als langfristige Sicherung der Gillbach-Wasserführung dargestellt. Im Fachkonzept von 2026 erscheint dessen Abwasser dagegen nur als möglicher Beitrag: Ob die Anlage gebaut wird, ist offen; sie würde voraussichtlich nicht durchgehend laufen und bräuchte erst eine Leitung zum Gillbach. Eine gesicherte Dauerlösung lässt sich daraus bislang nicht ableiten.

RWE und Erftverband: Daten und Szenarien, aber keine Zusage für den Oberlauf

RWE betreibt das Kraftwerk, dessen Einleitungen den Gillbach heute maßgeblich speisen. Das Unternehmen und der Erftverband haben an der Facharbeitsgruppe mitgewirkt und ihre Einschätzungen im Rat erläutert. Zugleich vertreten sie die Auffassung, der Ober- und Mittellauf habe vor der industriellen Überprägung nicht ganzjährig Wasser geführt. Diese historische Einordnung ist politisch umstritten; aus ihr wird auch über mögliche Pflichten von RWE gestritten. Eine abschließend geklärte Zahlungsverpflichtung für eine dauerhafte Speisung des Oberlaufs ist den geprüften Unterlagen nicht zu entnehmen.

RWE baut die Rheinwassertransportleitung für die wasserwirtschaftlichen Folgen des Tagebaus. Im Konzept ist eine Einleitung daraus für den Unterlauf ab Widdeshoven vorgesehen. Für den Oberlauf ist sie im abgestimmten Entnahmekonzept nicht enthalten. Ein Anschluss dort würde laut Fachkonzept unter anderem etwa drei Kilometer zusätzliche Rohrleitung und Pumpen erfordern; bei Niedrigwasser im Rhein stünde über den betrachteten Leitungsabschnitt zudem nicht immer Wasser zur Verfügung. Der Bau dieser Leitung ist deshalb noch keine Zusage für einen durchgehend wasserführenden Gillbach in Rommerskirchen.

Das Fachkonzept betrachtet auch Brunnen, Niederschlagswasser, nachlaufendes Sümpfungswasser und Abwasser eines möglichen neuen Kraftwerks. Es benennt erhebliche Grenzen: Für eine angenommene dauerhafte Speisung mit 200 Litern pro Sekunde wären rund 6,3 Millionen Kubikmeter im Jahr nötig; das untersuchte Grundwasservorkommen könnte rechnerisch höchstens rund 0,9 Millionen Kubikmeter liefern. Auch technische und rechtliche Voraussetzungen werden grundsätzlich behandelt. Ob einzelne Maßnahmen konkret zulässig, umsetzbar und finanzierbar sind, muss erst in einer detaillierten Maßnahmenplanung geklärt werden. Der Rhein-Kreis Neuss bezeichnet das Dokument ausdrücklich als fachliche Grundlage, nicht als Planung.

Der Rhein-Kreis Neuss: Historische Prüfung mit umstrittenem Ergebnis

Die Kreistagsfraktionen von CDU, SPD, Grünen, FDP und UWG/Freie Wähler-Zentrum beantragten im Mai 2025 für den Kreisausschuss gemeinsam ein Gutachten zur historischen Beschaffenheit des Gillbachs. Sie wollten klären lassen, welche Schlüsse historische Quellen und hydrologische Befunde über seine frühere Wasserführung erlauben. Der Erft-Kurier berichtete damals auch über die Uneinigkeit bei der Strategie: Einige Politiker erhofften sich davon bessere Argumente gegenüber RWE; andere warnten, das Ergebnis könne die Forderung nach einer dauerhaften Speisung schwächen.

Tatsächlich sichtete zunächst das Kreisarchiv eigene Bestände, die Untere Wasserbehörde wertete sie aus. Die Akten enthalten Hinweise sowohl auf Wasserführung als auch auf frühere Trockenphasen. Die Kreisverwaltung sah darin keinen Beleg dafür, dass der Gillbach vor den industriellen Einleitungen ständig Wasser führte; eine zusätzliche externe Untersuchung wurde daraufhin nicht vorgenommen. Das Ergebnis ist damit eine kreisinterne Vorrecherche mit behördlicher Bewertung, kein externes hydrologisches Langzeitgutachten. Wer aus alten Dokumenten das Gegenteil ableitet, kann diese Bewertung kritisieren – sollte sie aber nicht als Beweis für eine lückenlose historische Dauerwasserführung ausgeben.

Die beiden Kreise sind zugleich über ihre Wasserbehörden für wichtige wasserrechtliche Fragen zuständig. Die im Fachkonzept beschriebene Bewirtschaftungsplanung sieht für den Oberlauf einen weitgehend unbeeinflussten, nur zeitweise wasserführenden (ephemeren) Zustand vor. Soll dort dauerhaft Wasser zugeführt werden, müssen die zuständigen Stellen deshalb eine Quelle finden und das wasserrechtliche Ziel sowie die Zulässigkeit einer solchen Maßnahme klären.

Parteien und Aktive: Wer hat welche Schritte angestoßen?

Die Rommerskirchener Grünen beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema. 2025 unterstützten sie eine von der CDU gestartete gemeinsame Kampagne mit der FDP. Sie reichten nach eigener Darstellung eine Stellungnahme zum Braunkohleplan ein und stellten Anfang 2026 Fragen zur Beteiligung der Gemeinde an weiteren Wasserplanungen. Ihr Antrag führte zur regelmäßigen Behandlung des Gillbachs in den Ratsausschüssen. Katharina Janetta lud im März vier grüne Landtagsabgeordnete an den Bach ein. Einer von ihnen, Volkhard Wille, sprach sich anschließend für weitere Untersuchungen und die Prüfung möglicher Finanzierungswege aus. Eine Finanzierungszusage war das nicht.

Die CDU rief im April 2025 die vom Erft-Kurier als „Wir retten die Gillbach“ bezeichnete Aktion ins Leben; Grüne und FDP beteiligten sich. Die Kampagne schuf Aufmerksamkeit und eine Beteiligungsmöglichkeit. Im September 2026 brachten CDU und Grüne nach Darstellung des Bürgermeisters einen gemeinsamen Antrag zur künftigen Wasserführung ein. Die CDU regte außerdem an, Rhein- oder Grundwasser auch für den oberen Abschnitt zu prüfen. Das sind politische Forderungen; ein genehmigter Anschluss und ein Finanzierungskonzept sind in den geprüften Unterlagen dazu nicht ausgewiesen.

Die SPD setzte vor allem auf ein mögliches neues Gas- und Dampfkraftwerk als Wasserquelle. Ihr Kreispolitiker Rainer Thiel warnte zugleich früh vor den Risiken einer historischen Begutachtung. Im September 2026 verlangte die Rommerskirchener SPD eine belastbare Strategie für die Zeit zwischen dem Wegfall der bisherigen Einleitung und einer späteren Lösung. Diese Übergangsfrage ist wesentlich: Selbst ein künftiges Projekt hilft dem Bach nicht, wenn dazwischen Jahre ohne ausreichende Wasserzufuhr liegen.

Die Fraktion „Wir für Rommerskirchen“ beantragte im März 2026, RWE und Erftverband im Rat öffentlich über den Gillbach berichten zu lassen. Nach dem Bericht des Erft-Kuriers wurde dies im Umweltausschuss einstimmig unterstützt; der Auftritt fand am 28. Mai statt. Die Fraktion drängt außerdem auf Unterstützung durch das Land. Ihr konkreter Beitrag war damit vor allem, die fachlich Beteiligten öffentlich befragen zu lassen.

Auch in Bergheim und in der Bürgerschaft gibt es Vorstöße. Nach einem Informationsabend in Rheidt-Hüchelhoven berichtete der Erft-Kurier im April 2026 über einen Antrag von CDU-Politikern um Helmut Paul, den Bach nach Natur- und Denkmalrecht unter Schutz zu stellen. Die dort vorgetragene Auffassung zu historischen Wasserverhältnissen und Pflichten von RWE ist eine Position der Initiatoren, keine nachgewiesene Behörden- oder Gerichtsentscheidung. Anwohner wie Josef Pohl bringen persönliche Erinnerungen und Forderungen in die Debatte ein. Die örtliche Arbeitsgruppe, die die Gillbach-Stelen erarbeitete, hat unter Beteiligung Ehrenamtlicher bereits ein sichtbares Projekt umgesetzt.

Woran sich der weitere Fortschritt messen lässt

Es wäre falsch zu behaupten, bislang sei nichts geschehen. Der Gillbach steht auf den Tagesordnungen, die Akteure haben ihre Positionen offengelegt, historische Quellen wurden gesichtet und die fachlichen Schwierigkeiten sind genauer beschrieben als noch vor zwei Jahren. Eine beschlossene und finanzierte Maßnahme für einen dauerhaft wasserführenden Ober- und Mittellauf ist in den hier ausgewerteten Unterlagen bislang nicht ausgewiesen.

Die nächsten überprüfbaren Schritte wären eine Entscheidung über das angestrebte Gewässerziel, eine konkret geplante Wasserquelle samt Übergangslösung, die Klärung der Genehmigungen und eine verbindliche Antwort auf die Kostenfrage. Ein späteres Ende der Kraftwerkseinleitung könnte mehr Zeit verschaffen; es würde diese Entscheidungen nicht ersetzen.

An die Aktiven und Beteiligten: Welche Beschlüsse, Zusagen oder Planungsunterlagen sind seitdem hinzugekommen? Wir freuen uns über Hinweise mit Datum und möglichst einem öffentlich prüfbaren Dokument – auch über sachliche Korrekturen an dieser Bestandsaufnahme.